Deutsches Ärzteblatt, Ausgabe 38, 21.09.2007 Von Jens Flintrop Bestes Indiz dafür, dass die Arbeitsbedingungen für
Klinikärzte in Deutschland noch immer nicht konkurrenzfähig sind, ist die große
Zahl der freien Arztstellen in den Krankenhäusern. So gaben bei einer
Mitgliederbefragung der Ärztegewerkschaft Marburger Bund (MB) knapp zwei Drittel
der Ärzte an, dass in ihrer Abteilung derzeit mindestens eine ärztliche Stelle
nicht wie gewünscht besetzt werden könne. Offensichtlich hält die Flucht vor
allem junger Ärzte ins Ausland, aber auch in andere Berufsfelder, unverändert
an. Leidtragende sind einerseits die Ärzte, die den Personalmangel durch
Mehrarbeit ausgleichen sollen, und andererseits die Patienten, die mittelfristig
mit einer schlechteren medizinischen Versorgung rechnen müssen. Um sich ein
Bild von der Arbeitssituation der Ärzte in den Kliniken zu machen, hatte der MB
seinen rund 110 000 Mitgliedern im Juni 2007 mit der „Marburger Bund Zeitung“
einen ausführlichen Fragebogen zukommen lassen. Diesen schickten knapp 19 000
Ärztinnen und Ärzte ausgefüllt zurück. Deren Angaben sind zum Teil
erschreckend. So werden der Umfrage zufolge in 59 Prozent der Krankenhäuser
die tariflich und gesetzlich festgelegten Höchstarbeitszeitgrenzen nicht
eingehalten. 21 Prozent der Ärzte geben ihre wöchentliche Arbeitszeit
(einschließlich Überstunden und Bereitschaftsdiensten) mit 40 bis 49 Stunden an,
38 Prozent mit 50 bis 59 Stunden, 40 Prozent mit 60 bis 79 Stunden und ein
Prozent mit mehr als 80 Stunden. Eigentlich müssten alle Ärzte, die mehr als 50
Stunden im Einsatz sind, der Ausweitung ihrer Arbeitszeit persönlich zugestimmt
haben. Tatsächlich hat aber nur jeder vierte Betroffene diese „Opt out“-Regelung
unterzeichnet. Eine systematische Arbeitszeiterfassung (sei es elektronisch oder
handschriftlich), mit der die Ärzte Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz belegen
könnten, gibt es nur in 51 Prozent der Kliniken. Unbefriedigend ist auch die
Situation bei den Überstunden: 24 Prozent der Ärzte leisten wöchentlich bis zu
vier Überstunden, 33 Prozent zwischen fünf und neun, 29 Prozent zwischen zehn
und 19, zehn Prozent 20 oder mehr Überstunden. Dabei erhalten nur zehn Prozent
der Ärzte alle ihre Überstunden vergütet. 30 Prozent können sich immerhin
Freizeitausgleich für ihre Mehrarbeit nehmen. Auf die rund 131 000
Krankenhausärzte hochgerechnet komme man im Jahr auf bis zu 56,6 Millionen
Überstunden, betont der MB. Da nur jede Zehnte davon vollständig vergütet werde,
schenkten die Ärzte den Arbeitgebern und der Gesellschaft jedes Jahr den
Gegenwert von mehr als einer Milliarde Euro. Der Frust der Ärzte ist
entsprechend groß. Auf die Frage, was sie an ihrer Tätigkeit am meisten stört,
antworten sie vor allem: Arbeitsüberlastung/Personalmangel (39 Prozent), zu viel
Bürokratie (22 Prozent) und eine unangemessene Vergütung (19 Prozent). Knapp die
Hälfte der Befragten beurteilt die Arbeitsbedingungen insgesamt als „schlecht“
oder „sehr schlecht“. Diese Gruppe erwägt ernsthaft, ihre Tätigkeit im
Krankenhaus aufzugeben. Nahezu jeder Dritte würde den Arztberuf nicht ein
zweites Mal ergreifen. Die Umfrage zeigt, dass die Einhaltung des
Arbeitszeitgesetzes und die Umsetzung der arztspezifischen Tarifverträge keine
Selbstverständlichkeit sind. Die Ärztinnen und Ärzte sind aufgefordert, um ihre
Rechte zu kämpfen und dabei auch weiterhin „mit den Füßen abzustimmen“. Es muss
ja nicht gleich das Ausland oder ein anderer Beruf sein. Es gibt auch
hierzulande Klinikarbeitgeber, die die Zeichen der Zeit erkannt haben und gute
Arbeitsbedingungen bei einer adäquaten Vergütung bieten. Denn das ist die gute
Nachricht der MB-Mitgliederbefragung: Freie Stellen gibt es für Ärzte derzeit
genug. Jens Flintrop ist Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik beim
Klinikärzte: Abstimmung mit den Füßen
Deutschen Ärzteblatt.
Alle Informationen zur MB-Umfrage 2007