Positionspapier des Sprecherrates der Medizinstudenten im Marburger Bund
Das Praktischen Jahr im Rahmen des Studiums der Humanmedizin
In den vergangenen Monaten wurde eine deutliche Häufung der Anfragen und Klagen von Studierenden im Praktischen Jahr registriert. Die Probleme beziehen sich vor allem auf zunehmende Restriktionen von Universitätskliniken, welche die individuelle Mobilität und die Möglichkeiten der finanziellen Existenzsicherung beeinträchtigen. Zudem wird beanstandet, dass durch den voranschreitenden Ärztemangel immer mehr Routinetätigkeiten auf Studierende im Praktischen Jahr verlagert werden und weniger Zeit für das Erlernen, Vertiefen und Erweitern medizinischer Zusammenhänge und Fähigkeiten zur Verfügung steht. Nicht zuletzt mangelt es durch die volle Einbindung in den Stationsbetrieb an Zeit für das Eigenstudium im Sinne einer theoretischen Vor- und Nachbereitung sowie der Vorbereitung auf den Zweiten Abschnitt der Ärztlichen Prüfung.
Der
Sprecherrat der Medizinstudenten im Marburger Bund hat sich auf seiner
Klausurtagung am 08./09. August 2008 umfassend mit dem Praktischen Jahr
auseinandergesetzt. Auf Basis dieser Analyse hat der Sprecherrat folgende
Feststellungen und Forderungen verfasst, die vom Vorstand des Bundesverbandes
in seiner Sitzung am 26.09.08 unterstützt wurden:
Mobilität
Universitätskliniken
schränken die Mobilität von Studierenden im Praktischen Jahr ein, indem Sie
lediglich Tertiale zulassen, welche in den eigenen Kliniken oder an
akademischen Lehrkrankenhäusern dieser Universität abgeleistet wurden. Nicht
selten werden Studierende - ohne eigenen Einfluss - willkürlich an einzelne Einrichtung
„zwangsverteilt“, obwohl freie Wunschplätze zur Verfügung stehen. Es entsteht
der Eindruck, dass Universitätskliniken den Titel „Akademisches Lehrkrankenhaus“
vor allem an Kliniken vergeben, welche sich auf dem lokalen Gesundheitsmarkt
als strategisch günstig für die Patientenversorgung erweisen. PJ-Studierende
werden dann zunächst den eigenen Abteilungen und im Weiteren den genannten
strategischen Partnern als billige Arbeitskräfte zur Verfügung gestellt. Die
Ausbildungsqualität spielt dabei nur sekundär eine Rolle.
Auslandstertiale
können hingegen weltweit an allen Kliniken mit einer universitären Anbindung
abgeleistet werden. Allerdings variiert die Anzahl der anerkennungsfähigen
Auslandstertiale. Je nach Universität werden ein, zwei oder alle drei
PJ-Tertiale im Ausland anerkannt.
Forderung:
Für
Studierende im Praktischen Jahr muss eine selbstbestimmte bundesweite Mobilität
gewährleistet werden, indem PJ-Tertiale an allen Kliniken anerkannt werden,
welche die Voraussetzung nach § 4
der Approbationsordnung erfüllen. Auslandstertiale sollen ebenso
uneingeschränkt anerkannt werden, wenn die Voraussetzungen nach § 4 an der
ausländischen Einrichtung erfüllt sind.
Nur ein
freier Wettbewerb zwischen den Kliniken kann verhindern, dass Universitätskliniken
PJ-Studierende instrumentalisieren, indem diese temporär als Humankapital an
strategische Partner oder an eigene Abteilungen „zugewiesen“ werden. Durch den
Wandel des Gesundheitswesens und den zunehmenden Ärztemangel spielen
wirtschaftliche Interessen für Universitätskliniken eine so große Rolle, dass
faire Ausbildungsbedingungen in einem Praxisjahr nur auf einem freien Markt
gewährleistet werden können. Dies wird die Qualität der Ausbildung und die
Rahmenbedingungen für PJ-Studierende im erforderlichen Umfang verbessern.
Ausbildungsinhalte
Die Approbationsordnung definiert zwar den Zweck des Praktischen Jahres, die Ausbildungsinhalte sind allerdings nicht einheitlich geregelt. Nicht selten führt das in der Praxis dazu, dass Studierende zu Tätigkeiten herangezogen werden, welche für ihre Ausbildung nicht förderlich sind.
Forderung:
Im Sinne
eines gemeinsamen Ausbildungszieles und zur Vorbereitung auf den Zweiten
Abschnitt der Ärztlichen Prüfung ist es erforderlich, dass die Ausbildungsinhalte
und die zu erlernenden praktischen Fertigkeiten im Praktischen Jahr des
Medizinstudiums bundeseinheitlich definiert werden. Dabei soll insbesondere
berücksichtigt werden, dass praktische Einzelmaßnahmen bereits im Rahmen von
Blockpraktika und Famulaturen erlernt werden und nicht die Haupttätigkeit im
Praktischen Jahr darstellen können. Vielmehr soll das Praktische Jahr als
letzter berufs-vorbereitender Abschnitt dazu dienen, eine ganzheitliche
medizinische Patientenversorgung zu erlernen, um den Aufgaben als Assistenzarzt
gewachsen zu sein.
Rahmenbedingungen
Studierende im Praktischen Jahr werden ganztägig an allen Wochenarbeitstagen in den Stationsalltag eingebunden. Dabei können innerhalb eines ganzen Jahres maximal 20 Fehltage berücksichtigt werden. Durch die volle Einbindung in den Stationsbetrieb mangelt es an Zeit für das Eigenstudium im Sinne einer theoretischen Vor- und Nachbereitung sowie der Vorbereitung auf den Zweiten Abschnitt der Ärztlichen Prüfung. Im Übrigen sind keine arbeitsphysiologisch begründeten Erholungsphasen vorgesehen.
Forderung:
Den
Studierenden im Praktischen Jahr ist gesetzlich ausreichend Zeit für das
Eigenstudium im Sinne einer theoretischen Vor- und Nachbereitung sowie der
Vorbereitung auf den Zweiten Abschnitt der Ärztlichen Prüfung einzuräumen.
Weiterhin ist dem Studierenden im Praktischen Jahr ein Erholungsurlaub von
mindestens 24 Tagen im Jahr einzuräumen.
Anerkennung und Wertschätzung
Studierende
im Praktischen Jahr erleben in Deutschland nach fünf Jahren intensivem Studium
häufig eine geringe Anerkennung und Wertschätzung ihrer Tätigkeit und geraten
in eine Gratifikationskrise. Nicht selten hat dies zur Folge, dass nach
Studienabschluss eine nichtärztliche Tätigkeit in Betracht gezogen oder eine
ärztliche Tätigkeit im Ausland aufgenommen wird. Vor dem Hintergrund der teuren
Ausbildung und eines zunehmenden Ärztemangels entsteht dadurch ein großer
volkswirtschaftlicher Schaden.
Forderung:
Anerkennung und Wertschätzung sind wesentliche extrinsische Faktoren für die Aufrechterhaltung der Motivation. Der Gesetzgeber wird aufgefordert, im Krankenhausfinanzierungsgesetz die Voraussetzungen für eine regelhafte finanzielle Wertschätzung der Leistung von Studierenden im Praktischen Jahr zu schaffen.
Ausbildungseinrichtungen
werden zudem aufgefordert, eine Kultur der gegenseitigen Wertschätzung und
Anerkennung zu fördern. Ein Element dabei sind Fortbildungsmaßnahmen zur
Erhöhung der pädagogischen Qualität der Lehre.
gez.
Patrick Weinmann
Vorsitzender
Sprecherrat der
Medizinstudenten
(MB/26.09.08)
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