Berlin, 18. September 2007 - Nr. 41/07 Arbeitgeber
begehen Tarifbruch Die
Arbeitsbedingungen der rund 131.000 deutschen Krankenhausärzte sind so
katastrophal, dass jeder zweite Mediziner erwägt, seinen Job aufzugeben. Die
Klinikarbeitgeber verstoßen systematisch gegen das Arbeitszeitgesetz und brechen
gezielt Bestimmungen der arztspezifischen Tarifverträge, die mit der Ärztegewerkschaft
Marburger Bund (MB) nach intensiven Arbeitskämpfen im Jahr 2006 abgeschlossen
wurden. Extreme Arbeitsbelastung aufgrund gesetzeswidrig überlanger
Arbeitszeiten, millionenfach unvergütete Überstunden, unzureichende
Arbeitszeiterfassung und kaum Möglichkeiten, Familie und Beruf zu vereinbaren –
so sieht der Arbeitsalltag der Ärzte in den meisten der rund 2.100 deutschen
Krankenhäuser aus. Hauptleidtragende sind dabei die jüngeren Mediziner. Das ist
das ernüchternde Ergebnis einer repräsentativen Umfrage der Ärztegewerkschaft
Marburger Bund unter ihren mehr als 80.000 aktiven Mitgliedern. Nach Ansicht
des Vorsitzenden des Marburger Bundes, Dr. Frank
Ulrich Montgomery, steht Deutschland demnach vor einer
dramatischen Verschärfung der Ärzteflucht und einem ernsthaften Ärztemangel. Zu
befürchten sei deshalb ein gefährlicher Einbruch bei der Versorgungsqualität.
„Deutschlands Krankenhausarbeitgeber missachten tagtäglich die strengen
Vorgaben des Arbeitszeitgesetzes und brechen gezielt Tarifrecht“, so
Montgomery. Hauptleidtragende seien neben den Medizinern insbesondere die
Patienten, die weiterhin von vollkommen überlasteten und überarbeiteten Ärzten
behandelt würden. Der
Umfrage zufolge werden in rund 60% der deutschen Kliniken die tariflich und
gesetzlich festgelegten Höchstarbeitszeitgrenzen der Ärzte nicht eingehalten.
So müssen knapp 80% der Mediziner 50 bis 80 Wochenstunden arbeiten. 1% der
Ärzte – bundesweit sind das rund 1.300 – sind sogar 80 und mehr Stunden pro
Woche beschäftigt. Gleichzeitig wird bei jedem zweiten Krankenhausarzt die Arbeitszeit
nicht systematisch erfasst. Montgomery: „Patienten und Ärzte gefährdende
Marathondienste werden von den Arbeitgebern in sträflicher Verantwortungslosigkeit
abverlangt.“ Zudem
werden die Klinikmediziner angehalten, mehr Bereitschaftsdienste zu leisten als
das Arbeitszeitgesetz erlaubt. So müssen laut Umfrage 39% der Ärzte monatlich
fünf bis neun solcher Dienste leisten. Davon sind insbesondere die jüngeren
Assistenz- und Fachärzte mit jeweils 45% betroffen. Unzumutbar ist nach Angaben
der Ärztegewerkschaft auch der Überstundenberg der Mediziner. So leisten die
rund 131.000 Klinikärzte in Deutschland rund 56,6 Millionen Überstunden, von denen
sie jedoch nur 10% vollständig bezahlt bekommen. Auf dem Buckel der Klinikärzte
werde somit das deutsche Gesundheitssystem mit weit über 1 Milliarde Euro
jährlich subventioniert, klagte Montgomery. Ärzte
in ostdeutschen Krankenhäusern sind von miserablen Arbeitsbedingungen deutlich
stärker betroffen als ihre westdeutschen Kollegen. Sie müssen für weniger Geld signifikant
mehr arbeiten. Während 39% der westdeutschen Klinikärzte wöchentlich zwischen
60 und 69 Stunden arbeiten, sind dies im Osten 45% der Mediziner. Gleichzeitig
geben 70% der Ärzte in den neuen Bundesländern an, dass ihre Überstunden nicht
vollständig vergütet werden, während dies in Westdeutschland 60% der Mediziner
beklagen. Eine im
Ansatz bessere Arbeitssituation ist in den Krankenhäusern zu erkennen, die
arztspezifische Tarifverträge des Marburger Bundes anbieten. Rund 60% aller
Ärzte werden von einem solchen Tarifvertrag erfasst. In diesen Kliniken werden
Höchstarbeitszeitgrenzen mit 42% eher eingehalten als in Häusern ohne MB-Tarifvertrag
(39%). Auch bei der Arbeitszeiterfassung schneiden Kliniken mit MB-Tarifvertrag
geringfügig besser ab. So geben 44% dieser Ärzte an, dass ihre Arbeitszeiten
nicht erfasst werden, während dies 56% der Ärzte in den übrigen Krankenhäusern
sagen. Hier beginnt der Arzt-Tarifvertrag zu greifen.
Klinikärzte
leiden weiterhin unter massiver Arbeitsüberlastung
Ergebnisbericht der Umfrage (PDF)
Eräuterungen zum Ergebnisbericht (PDF)
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