Sommersemester 2010
Marburg im Frühjahr 2010: Viele zahlen Entschädigung
Umfang variiert von 150 Euro bis 415 Euro
Von Philipp Duven*
Um für die aktuellen Debatten um eine Bezahlung der Medizinstudenten im Praktischen Jahr eine Datengrundlage zu verschaffen, haben die Kontaktstudenten der hessischen Universitäten die Details der einzelnen Lehrkrankenhäuser zusammengestellt. Die Spalte „Lehre“ bezieht sich auf einen regelmäßigen PJ Unterricht. Veranstaltungen wie Röntgendemonstrationen für Assistenzärzte zählen nicht dazu. Bis auf das Auguste Viktoria Krankenhaus in Berlin sowie das Universitätsklinikum Marburg selbst zahlen alle Lehrkrankenhäuser ihren Studierenden eine Aufwandsentschädigung. Der Umfang variiert von 150 Euro in Kassel bis zu 415 Euro in den Schwalm-Eder Kliniken und in Kassel. In Fulda wurde die Bezahlung der Studierenden sogar schriftlich in einer Betriebsvereinbarung fixiert. Viele Abteilungen bieten darüber hinaus die Teilnahme an Wochenend- oder Nachtdiensten an, die dann extra bezahlt und mit zusätzlichen freien Tagen belohnt werden.
Auch in den Unterbringungsmöglichkeiten vor Ort gibt es gravierende Unterschiede. Viele der Lehrkrankenhäuser sind so weit von Marburg entfernt, dass die Studenten nicht umhinkommen, zumindest während der Woche in der Nähe zu wohnen. Fast überall werden kostenfreie Unterbringungsmöglichkeiten in Schwesternwohnheimen angeboten. In Attendorn beispielsweise ist sogar eine Reinigung der Zimmer durch eine Servicekraft vorgesehen. In Kassel dagegen gibt es bis auf Hilfe bei Vermittlung eines Zimmers der Wohnungsbaugesellschaft im Klinikum keine Möglichkeit für die Studenten, sich vom Krankenhaus unter die Arme greifen zu lassen.
Leider lagen über die DRK Kinderklinik in Siegen keine Daten vor, daher fehlt sie in der Übersicht.
Erfreulicherweise hat die Umfrage auch gezeigt, dass die meisten Studenten mit dem Lehrangebot ihres Krankenhauses zufrieden waren. Unterschiede zeigten sich eher innerhalb der verschiedenen Abteilungen eines Hauses, sodass wir für eine aktuelle Übersicht auf die folgenden Internetseiten verweisen.
*E-Mail-Adresse des Autoren: mail@mbhessen.de
Gießen im Frühjahr 2010: PJ muss mehr sein als Haken halten und Venenkatheder legen
PJ muss mehr sein als Haken halten und Venenkatheder legen
Von Ina Hoffmann*
Als PJler ist man von morgens bis teilweise spätabends im Krankenhaus. Die Aufgaben gehen von Blutentnahmen, über Viggos legen, Antibiose anhängen, EKGs schreiben, Patienten aufnehmen, im OP-Saal Haken halten, Verbände wechseln, Botengänge erledigen, Organisieren und Telefonieren bis hin zur Teilnahme an der Visite. Da man so viele Aufgaben hat, kommt man teilweise gar nicht dazu, bei der vermeintlich lehrreichen Visite dabei zu sein.
Und alles, was man dafür bekommt, reicht von 1,12 Euro Essenszuschlag am Tag bis zu 400 Euro pro Monat abhängig vom Krankenhaus . Vorgesehen ist aber etwas anderes in der Ausbildungsordnung für das Praktische Jahr. Der PJler soll sein medizinisches Wissen vertiefen, anwenden und an praktische Aufgaben herangeführt werden. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der PJler nicht zu Tätigkeiten herangezogen werden darf, die nicht die Ausbildung fördern. Wäre dies Realität, dann würden wir uns nicht beschweren. Aber die Realität sieht anders aus.
12-Stunden-Dienste werden abhängig vom Krankenhaus mit 20 Euro bis maximal 75 Euro pro Dienst entlohnt. Das Lehrkrankenhaus in Limburg bezahlt sogar für Wochenenddienste 400 Euro. Da es mehrere PJler gibt, ist es nicht sicher, ob bzw. wie oft man diesen Dienst in einem Tertial machen kann.
Fast alle Praktika bei den BWL-Studenten werden ausreichend bezahlt, sodass die Studierenden ihren Unterhalt in dieser Zeit finanzieren können. Das Pendant dazu wären bei uns die Pflegepraktika in der Vorklinik und die Famulaturen in der Klinik. Ich habe noch nicht von ähnlichen Entlohnungen gehört.
Im Gegenteil: Wenn man Glück hat, bekommt man das Mittagessen bezahlt – abgesehen von dem Evangelischen Krankenhaus und der Uniklinik liegen zudem die Lehrkrankenhäuser außerhalb von Gießen. Wetzlar und Lich sind nicht weit weg und bieten wahrscheinlich deshalb keine Unterkunft an. Demnach muss man, wenn man nicht zufällig vor Ort wohnt, pendeln. Sicherlich könnte man den Nahverkehr nehmen, aber
Es wählen demnach nur wenige Studierende ohne eigenes Auto diese Krankenhäuser, auch wenn dort die Lehre und das Drumherum gut sein sollen. In meinen Augen eine unfaire Situation.
Außerdem gibt es noch das Problem, dass Einnahmen von Nebenjobs aufgrund von fast unentlohnter Vollzeitarbeit (abgesehen von Bad Hersfeld, 400 Euro pro Monat) wegfallen. Alles in allem: Ich bin dafür, dass eine einheitliche Aufwandsentschädigung (400 Euro pro Monat plus bezahlte Dienste wie in Bad Hersfeld) von allen Lehrkrankenhäusern und der Uniklinik eingeführt wird.
Ein Punkt, der gar nicht in die heutige Zeit passt, ist der, dass es so gut wie gar kein Problem darstellt, sein PJ in Südamerika, auf den Bahamas oder in Australien zu absolvieren. Will man aber an ein Krankenhaus, das nicht zu der jeweiligen Universität gehört, dann muss man sich mit viel Bürokratie abgeben und wahrscheinlich noch aus organisatorischen Gründen ein Semester Auszeit nehmen.
Warum man evtl. an eine andere Universität zum PJ wechseln möchte, ganz einfach: die PJ-Bedingungen. Zum Beispiel wird das PJ an der Universität Göttingen und an dessen jeweiligen Lehrkrankenhäusern mit 400 Euro pro Monat entlohnt.
In meinen Augen ist es komisch, dass jede medizinische Fakultät es selber bestimmen kann, wie und ob das PJ entlohnt wird. Mehr als 50 Prozent der Medizinstudierenden können sich nicht mal mehr ihre Universität aussuchen und demnach ist ihr PJ dem Schicksal überlassen.
Eine Sache möchte ich noch hinzufügen. Es ist nicht nachvollziehbar, dass die deutschen Krankenhäuser es anscheinend einfach hinnehmen, dass viele junge deutsche Ärzte abwandern. Sei es ins Ausland oder in andere Branchen. Dabei sollte ihnen bekannt sein, dass Ärzte in unserem Land fehlen. Warum begreift es die freie Wirtschaft, aber nicht die Krankenhäuser, dass sie die zukünftigen Arbeitskräfte, denen die ganze Welt offensteht, mit Qualität (in unserem Fall guter Lehre und nettem Arbeitsklima) und gerechtfertigter Entlohnung binden könnten.
*Ina Hoffmann ist Beisitzerin im MB-Bezirksverband Gießen, E-Mail-Adresse: mail@mbhessen.de
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